Endlich wieder eine Krähling-Probe

Ein paar Jahre hatte sich Willi Krähling, vom Schicksal nicht gerade verwöhnt, aus der Weinszene zurückgezogen. Das war jammerschade, denn am Möhnesee habe ich schon reichlich schöne Weine getrunken. Umso mehr freute ich mich auf das Ende der Durststrecke, auf die Krähling-Probe im November 2004.
Mit viel Liebe zum Detail hatte der profunde Weinkenner, - Sammler und –Raritätenhändler Willi Krähling hier eine tolle Probe zusammengestellt, die nahtlos an alte Traditionen anknüpfte. Verkostet wurde wie üblich blind.
Im ersten Flight standen sich zwei Weine aus der Wachau gegenüber. 1994 FX Pichler Ried Kellerberg Riesling Smaragd war ein fantastisch gereifter, großer Wachauer Riesling, sehr mineralisch mit schöner Frucht, in der Nase auch etwas weißer Pfeffer, tolle Länge am Gaumen, baut sehr schön im Glas aus, dürfte sich auf diesem Niveau sicher noch gut 5-10 Jahre halten – 96/100. Da konnte der 1994 Nigl Senftenberger Piri Riesling Riesling Privat nicht mit. Der wirkte – obwohl immer noch schön zu trinken – im Vergleich zum grandiosen Kellerberg etwas flach und schon deutlich über Höhepunkt hinaus – 87/100.
Im zweiten Flight habe ich den 1997 Bründlmayer Ried Lamm Grüner Veltliner Alte Reben nicht bewertet. Dieser sonst feine Wein mit guter, präsenter Säure wurde dominiert durch eine irritierende Schwefelnase. Ich hoffe sehr, dass dieser Böckser nur ein Flaschenfehler war. Traumhaft war der im Vergleich getrunkene 1997 Tement Morillon. Ein Wein-Chamäleon, startete mit Feuerstein, Anis und lakritz und wirkte zu Anfang wie ein großer Loire-Wein, wurde dann im Glas immer burgundischer, weicher, nussiger, sehr schmelzig, betörende Nase mit frisch gebrannten Mandeln, feine Säure, ein Weltklasse-Chardonnay – 97/100.
Der erste Rotwein-Flight beinhaltete drei Weine aus dem schwierigen Jahr 1987. Ich habe so ziemlich alle Dunns bis runter auf 1984 getrunken. Da war noch kein trinkreifer dabei. So auch diesmal 1987 Dunn Howell Mountain. Sehr dichte, junge Farbe, gute, rotbeerige Frucht, die aber auch etwas stahlig wirkt, am Gaumen kräftige Astringenz. Da scheint jemand das Rezept des 28er Latour ausgegraben zu haben, der ja erst nach 50 Jahren trinkreif wurde – 90/100 mit Potential für mehr in ein paar Jahrzehnten. Sehr überrascht war ich von 1987 La Mission Haut Brion. Klassische Cigarboxnase, rauchig, viel Tabak, etwas Teer, aber auch leichte metallische Noten, am Gaumen reif, aber noch lange nicht am Ende, für das Jahr eine absolute Situation – 91/100. Aus guten, kalten Kellern wie dem von Willi Krähling kann man so was noch bedenkenlos kaufen. 1987 Côte Rotie La Mouline von Guigal startete etwas enttäuschend mit einer medizinischen Nase, wandelte sich aber total im Glas. Aus Jod wurde Mokka, auch am Gaumen Mokka ohne Ende, wurde sehr samtig und zugänglicher, Klassestoff, immer noch mit deutlichem Rückrat – 95/100.
Garnicht mein Ding war im nächsten Flight ein 1982 Brunello Soldera Riserva Case Basse. Dichte Farbe, wenig Nase, am Gaumen unglaubliche Astringenz, da zieht sich alles zusammen, der war nie was und wird auch nichts mehr. Perfekter Hauswein für ein Domina-Studio, besser kann man nicht quälen – 78/100. Da lobe ich mir 1982 Latour-à-Pomerol. Tabak, jede Menge Lakritz, erstaunlich jung und kräftig, langer Abgang, derzeit eher Medoc als Pomerol, in dieser Form noch 10+ Jahre von der Genussreife entfernt, der letzte große Latour-à-Pomerol im alten Stil, ein absoluter Kauf- und Lagertip – 94/100 mit Potential für 3-4 mehr. Als Piraten hatte der Hausherr in diesen Flight einen 1982 Musar geschmuggelt und war sich sicher, dass ihn niemand erkennt. Da musste ich dann leider den Spielverderber spielen. Sehr reife, bräunliche Farbe, überreifes Traubengut, wirkt leicht „verbrannt“, am Gaumen druckvoll mit schöner Aromatik, etwas rosinig mit feiner Süße – 90/100.
Wie wichtig ein guter, kühler Keller ist, zeigte sich im nächsten Flight. Noch nie habe ich 1971 L´Arrosée so jung getrunken. Kräuterig mit feiner Süße und guter Länge am Gaumen. In 71 sicher besser als Cheval Blanc zu einem Bruchteil des Preises – 92/100. Noch so ein verkannter Preis-/Leistungssieger ist 1971 La Mission Haut Brion. Kräftige Farbe, Tabak, viel Kraft, noch geradezu ungestüm und männlich wirkend – 96/100. Immer noch Zukunft hat auch 1971 Latour-à-Pomerol. Bonbonhaft-kräuterig, „Ricola“, Schwarztee, gute Süße, baut wunderschön im Glas aus – 93/100.

Eine La Mission-Aromatik hatte 1947 Gaffelière-Naudes mit Tabak, feiner Süße, toller Länge am Gaumen, unendliche Eleganz – 95/100. Während die „echten“ 47er Cheval Blanc langsam etwas müde werden, macht´s der noch lange. Nicht so prickelnd waren die Aromen des 1953 Gaffelière-Naudes. Sauerkraut, Kartoffeln, Petroleum, etwas over the hill, aber trotzdem zu Anfang irre aromatische Dichte mit leicht malziger Süße. Wurde zu Anfang am Tisch kontrovers beurteilt. Das erübrigte sich aber bald, denn er brach rasch zusammen und wurde säuerlich – 81/100. Groß hingegen der 1959 Gaffelière-Naudes. Feine Süße, viel Druck am Gaumen, tolle Aromatik, sehr lang – 94/100. Getoppt wurde der noch von 1961 Gaffelière-Naudes. Buttrige Nase, Kraft, noch sehr jung, da wird mal richtig was draus – 95/100 mit durchaus Potential für mehr.

Zu den verkannten, großen Jahren des letzten Jahrhunderts gehört 1952 mit zum Teil sehr langlebigen Weinen. Willi Krähling präsentierte uns aus seinem Geburtsjahr vier davon. Immer noch sehr schön 1952 Grand Puy Lacoste. Mandelaromen, karamellig, finessig-elegant, irre aromatisch und überhaupt nicht alt wirkend, nur in der Farbe Reife anzeigend, baut allerdings im Glas nicht aus und entwickelt mit der Zeit in der Nase leichte Schärfe. Sollte in den nächsten Jahren getrunken werden – 93/100. Überraschend gut auch 1952 Pichon Baron mit feiner karamelliger Süße, viel Kraft und Gewicht, sicherlich mit der Comtesse von der gegenüberliegenden Straßenseite vergleichbar und noch etliche Jahre ein Genuß. Ich habe den Baron vor ziemlich genau 10 Jahren schon mal bei Willi Krähling getrunken. Damals wirkte er noch sehr jung und brauchte viel Luft im Glas – 91/100. Ein Hammer war 1952 Cheval Blanc in einer Händlerabfüllung von Pol Mairesse. So dicht, so jung, so aromatisch, feine Fruchtsüße, ganz großer Wein – 97/100. Gewaltig auch 1952 Clos l´Eglise in einer Hanappier-Abfüllung. So eine dichte, junge Farbe, soviel Kraft, schöne Süße, immer noch tolle Frucht, aber auch kräftige Säure. Ein sehr präsenter, überzeugender Wein mit sicher noch 10-15 Jahren Zukunft. Alte Clos l´Eglise aus der Zeit bis 1955 sind eine sichere Bank – 95/100.

Als letzten Rotwein zog der Hausherr dann noch ein As aus dem Ärmel und präsentierte den Wein des Abends: 1953 Haut Brion. Von diesem Wein habe ich schon durchaus variable Flaschen getrunken von ganz groß bis hinüber, zuletzt aus eigenen Beständen im letzten Jahr eine perfekte Magnum. Bei dieser Flasche jetzt hatten wir wieder großes Glück, Haut Brion in Perfektion mit toller, klassischer Tabak-geprägter Nase, junger Farbe, am Gaumen konzentriert und dicht mit endlosem Abgang. Warum mich da mitten in der Nacht plötzlich der Geiz überfiel, weiß ich nicht mehr, aber ich habe nur knauserige 99/100 gegeben.