Dezember 2009
Kleine Nikolaus-Verkostung
Den 40. Geburtstag eines guten Weinfreundes feierten wir am Nikolausabend mit einer kleinen, aber heftigen Verkostung. Ein güldener 1978 Clos des Mouches von Drouhin enttäuschte zu Anfang mit Sherrynase und leichten Aceton-Tönen, am Gaumen bitter und leicht säuerlich, aber nicht uninteressant. Baute mit der Zeit aus, auch in der Nase, wurde karamellig und trank sich gut – 85/100. Leider konnte man das diesmal von einem 1969 Musar Blanc nicht sagen. Sehr tief die Farbe, machte insgesamt einen muffigen, metallischen, ziemlich freudlosen Eindruck, war zwar nicht hin, aber wohl lange über den Zenit – 79/100. Selbst das tapfer trinkende Geburtstagskind gab irgendwann auf. Als Zwischenspiel kam zur Gänseleber ein 2001 Suduiraud ins Glas, der trotz seiner Jugend mit süßem Schmelz betörte und den Gaumen voll auskleidete. Noch hell die Farbe, in der süßen Nase Birnendicksaft, am Gaumen von guter Säure balancierte, süße Fülle – 94/100. Während sich der 2001 Yquem, der größte junge Sauternes, den ich je im Glas hatte, mittlerweile für wohl längere Zeit völlig verschlossen hat, macht dieser drastisch billigere Suduiraud jetzt ungehemmte Freude.
Eigentlich tut sich nach einem solchen Süßwein ein nachfolgender trockener Wein, egal ob Rot oder Weiß, immer schwer. Nicht so der überragende 1986 Le Montrachet von Labouré-Roi. Der passte mit Apfel, Nuss und Mandelkern perfekt zu Nikolaus, sehr mineralisch, unglaublich präzise in der Struktur, gute Säure, ein in Stein gemeißeltes Weindenkmal – 96/100.
Fantastisch an diesem Abend auch der 1969 Penfolds Cabernet Shiraz Bin 389. Eine üppige, füllige Melange aus Rhone und Australien mit einem gewaltigen Aromenspektrum, das von Eisen und Blut über Kräute, viel Minze und dunklen Früchten bis hin zu Bitterschokolade reichte, überzeugte sowohl in der Nase als auch am schon fast opulenten Gaumen. Dieser in Australien früher auch als „poor man´s Grange“ bezeichnete Wein entpuppte sich wieder einmal als ein Grange für Schlaue und ist jede Suche wert – 95/100. Jung und dicht die Farbe des zu Anfang etwas verhalten und leicht laktisch wirkenden 1978 Beaulieu Private Reserve George de Latour. Der brauchte einfach Luft und drehte dann enorm auf. Neben Minze, Kräutern und Schwarztee kam in der Nase immer mehr Eukalyptus, sehr kräftig und lang am Gaumen, lebt sicher noch lange – 94/100.
Sehr jung noch aus der Magnum der 2003 Barolo Falletto Serralunga von Bruno Giacosa, ein sehr feiner, modern wirkender Barolo mit viel Säure und deutlichem Tanningerüst, dazu reichlich Veilchen und Lakritz, könnte zumal im großen Format noch ein paar Jahre Lagerung vertragen – 91+/100.
Und dann kam als Höhepunkt dieses Abends das 96/100-Quartett. Voll auf dem Punkt der 1983 Stag´s Leap Cask 23. Das war reifer, klassischer Kalifornier vom Allerfeinsten, natürlich mit viel Minze und Eukalyptus, aber so fein und balanciert, geradezu seidig mit ewig langem Abgang, ein Musterbeispiel für die frühere Klasse dieses Weines – 96/100. Auf gleichem Niveau 1992 Ridge Monte Bello, nur deutlich jünger, giftiger, zupackender, mit purer Kirschfrucht, immer noch mächtigen Tanninen, der Mineralität eines großen Mouton und fantastischer Struktur – 96/100. Die 96/100 hatte ich auch bei zwei weiteren Kaliforniern im Glas, dem gewaltigen 1992 Harlan und dem wie schon vor einigen Wochen wieder sehr überzeugenden 1986 Dominus. Jeder dieser vier Weine hatte seinen ganz eigenen Charakter, seine unverwechselbare Stilistik. Alle Vier waren sie zum Niederknien.
Sehr fein, elegant und perfekt gereift zum Abschluss noch eine 1971 Wachenheimer Böhlig Auslese von Bürklin-Wolf – 90/100.
Sie befinden sich in einer Sackgasse...
….bitte wenden.“ Eigentlich kennt man solche Kommandos, wie wir sie z.B. auf der A61, also einer Autobahn, erhielten nur aus der Anfangszeit der Navis. Doch unser für diese Urlaubsreise erworbenes NAVIGON 8540, derzeitiges Spitzenprodukt des Hauses, lieferte noch reichlich mehr Unfug. So wurden wir mehrfach auf der Autobahn zum Links Abbiegen oder zum Verlassen des Kreisverkehrs an der xten Ausfahrt aufgefordert. Und wären wir in der Schweiz diesen unvermittelt aufgetretenen Kommandos gefolgt, dann wären wir in diversen Kuhställen gelandet statt an unserem Urlaubsziel. Regelmäßig erforderten Abstürze einen Neustart des Gerätes. Der in der Werbung groß angepriesene Live-Service, der ja einen Teil des stolzen Gerätepreises von fast € 500 ausmachte, funktionierte genau 1 Stunde. Dann war der Navigon Server für den Rest der zweitägigen Reise nicht mehr verfügbar. Es ist schon unglaublich, mit welcher Dreistigkeit Navigon einen derart unausgereiften, hoffnungslos überteuerten Schrott anbietet. Dazu kommt noch, dass dieses Gerät durch seine häufigen Fehlfunktionen und Abstürze schlichtweg verkehrsgefährdend ist. Wer nicht – wie ich – eine noch dazu technisch versierte Beifahrerin dabei hat, landet womöglich aufgrund der hohen Aufmerksamkeit, die das Gerät erfordert genau in dem Graben, in den in das Gerät ohnehin regelmäßig schicken möchte.
Und dann waren wir plötzlich im Paradies
Ortskenntnis und eine zur Sicherheit mitgenommene Straßenkarte brachten uns dann doch noch an unser erstes Etappenziel, das Villino in Lindau. Tief verschneit empfing uns dieses kulinarische Paradies mit seinen komfortablen, großzügigen Zimmern.
Erster Paukenschlag des Abends ein 2006 Riesling Halenberg R von Emrich-Schönleber, der perfekt zu Rainer Fischers traumhafter Suppe von eigenem Curry mit Hummer passte. Nur in der sehr mineralischen Nase war die dezente Restsüße dieses Weines spürbar, am Gaumen war sie durch die knackige Säure praktisch nicht existent. Ein brillianter, spannender Wein, jetzt schon mit gut 92+/100 lustvoll antrinkbar. In 10-15 Jahren dürfte daraus ein Monument geworden sein. Weiter ging es mit reichlich kulinarischen Highlights aus der sehr ambitioniert aufkochenden Villino-Küche und mit raren Weinen aus der sehr umfassenden Villino-Karte. Letztere ist das Reich des sehr kompetenten Rainer Hörmann, eines vinophilen Gesinnungstäters, in dessen Hände man sich getrost begeben sollte. So empfahl er uns als nächstes einen 2004 Albarinho Pazo de Senorans Seleccion de Anada, der 38 Monate im Stahltank auf der Hefe gelegen hatte. Die mineralische Nase mit etwas Gummi erinnerte an einen reifen Grünen Veltliner, am Gaumen war dieser hochspannende Wein taufrisch mit knackiger Säure und viel Zitrusfrüchten, dazu mit schöner Länge – 90/100. Hat mit Albarinho, wie man ihn sonst kennt, nur die Rebsorte gemeinsam. Weiter ging es mit einem im Keller vergessenen 1992 Cloudy Bay, den nur die Neugier von Herrn Hörmann vor dem Verkochen gerettet hatte. Reife Zitrusnase, auch am Gaumen viel Zitrus mit guter Säure, die diesen Wein nicht nur am Leben erhielt, sondern ihm auch noch eine erstaunliche Frische verlieh – 89/100. Schlank, frisch mit reifer Stachelbeere und guter Säure danach ein 2005 Neumeister Klausen Sauvignon Blanc – 87/100. Sehr gut gefiel zu Anfang auch ein recht kräftiger und trotzdem balancierter 2007 Condrieu von Mathilde et Yves Gangloff mit viel Veilchen und Extraktsüße in der Nase, am Gaumen sehr druckvoll. Leider wurde der Wein mit der Zeit immer süßer, auch am Gaumen, und wirkte immer banaler und aufdringlicher. Damit entfernte er sich rasch von den anfänglichen 90/100. Mit einer immer noch recht jungen Farbe punktete aus der roten Abteilung ein 1982 Sassicaia. Die Nase war etwas älter und reifer, schlank der Gaumen, aber sehr aromatisch und mineralisch mit pikanter Frucht, ging mit seiner präzisen Struktur als gut gereifter Pauillac durch – 92/100.
Mitgebracht hatte ich noch zwei ältere Burgunder, die wir später in gemütlicher Runde am Kamin tranken. Beide hatten stehend die lange Autofahrt problemlos überstanden. Der 1949 Latricières Chambertin in einer deutschen R&U Abfüllung hatte eine reife, leicht portige Nase mit viel Kaffee, am Gaumen war er weich, schokoladig, wiederum mit viel Kaffee und pikanter Säure. Baute nicht ab, sondern aus und wurde immer schöner und vielschichtiger. Mit der Zeit kam sogar noch eine feine rot- und blaubeerige Frucht, blieb sehr lang am Gaumen und zeigte immer neue Facetten – 96/100. Deutlich jünger, wenn auch nicht ganz so komplex, wirkte im anderen Glas ein 1947 Beaune Cuvée Patriarche von Bouchard. Irre Farbe und Dichte, noch so kraftvoll und viel aromatischer Druck, süßer Kaffee und viel Schmelz – 94/100. Da konnte einem ein zwischendurch gereichtes Glas 1998 Chateau Montelena richtig leid tun. Gegen die burgundischen Finessenmeister wirkte der bei aller Jugend und Kraft richtiggehend dumpf und platt – 87/100.
Auf ins Engadin
Tief verschneit die Landschaft, wolkenlos der Himmel, strahlender der Sonnenschein am nächsten Vormittag. Trotz Navi schafften wir es auf dem direkten Wege ins himmlische Engadin. Wie es uns dort erging und insbesondere, was wir dort Feines ins Glas bekamen, steht demnächst in den Engadiner (W)Eindrücken 2009/10.
