März 2010
Schon einmal Maybach gefahren?
Ich noch nicht, dafür habe ich jetzt Maybach getrunken, ein einmaliges, ziemlich rares Vergnügen. Christoph Maybach, Urenkel des Maybach-Gründers Karl Maybach, hat unter seinem Familiennamen, der ja in der Automobilwelt stets für Perfektion und Exklusivität stand, in Kalifornien ein Weingut gegründet. Mit der gleichen Detailversessenheit und dem gleichen Perfektionismus wie sein berühmter Großvater strebt er auch hier nach dem Besten. Ich bin inzwischen vorsichtig geworden bei neuen, kalifornischen Superstars. Oft ist mir das Zeug zu dick, überladen und alkoholisch. Doch hier sollte angeblich alles anders sein. Also her mit dem Korkenzieher, denn „the proof is in the bottle“. Als erstes war der 2006 Materium Maybach dran. Die Farbe war so, wie man sie von einem jungen Kalifornier erwartet, schon ins Schwarze gehendes Rubinrot mit Purpurreflexen, göttlich die Nase mit reifer Brombeere, Cassis, Graphit, Leder und auch etwas Bitterschokolade. Am Gaumen nicht der befürchtete Overkill, da war Harmonie, Spannung, ja sogar eine gewisse Leichtigkeit. Und gleichzeitig war dieser Wein ungemein sexy mit gewaltigem Suchpotential. Ausnahmsweise waren meine Damen und ich uns völlig einig, von diesem 96/100 Wein muss mehr in den Keller, was bei mal gerade 525 produzierten Kisten wohl nicht so einfach sein wird. Feiner, eleganter, harmonischer und noch etwas subtiler mit etwas strammerem Tannuingerüst wirkte der 2005 Materium Maybach, der in der Stilistik noch eher einem Bordeaux ähnelt – 95/100. Parker, der die Weine genau andersherum bewertet, zieht bei den Maybach-Weinen den Vergleich zu Chateau Margaux. Bei 2005 kann ich das in gewisser Weise nachvollziehen, beim dekadenteren, offeneren 2006 kommt mir eher Mouton Rothschild in den Sinn. Da werden die Ungers wohl von Beiden noch etwas rausrücken müssen.
Glücksgriff
Mit Weißen Burgundern ist das so eine Sache. Die großen unter ihnen mit den klangvollen Namen sind schweineteuer und noch längst nicht immer gut. Die Kleineren kosten für das meist mäßige, Gebotene immer noch deutlich zuviel und machen die Suche nach einem spannenden Trinkerlebnis noch schwieriger. Wer einen guten Chardonnay sucht – und um nichts anderes handelt es sich hier ja – der sucht in der Regel inzwischen in anderen Regionen deutlich besser und billiger fündig. Wenn dann aber mal alles passt, wenn dieser Weiße Burgunder im Glas Finesse, Mineralität und leicht nussigen Schmelz in eleganter, nachhaltiger Art und totaler Harmonie aller Komponenten rüberbringt und der Preis sich noch im Rahmen des einigermaßen Bezahlbaren bewegt, dann ist das einfach großes Glück. Und dieses Glück hatten wir kürzlich im Glas. Der Orkan Xynthia legte weite Teile Deutschlands still. Wir hatten uns zu Fuß durch Sturm und Regen zum eigentlich malerisch am Rhein gelegenen Landhaus Mönchenwerth vorgekämpft. Nach gutem Essen war uns jetzt und nach entsprechender Weinbegleitung. Beides war kein Problem. Wir entschieden uns zunächst für einen 2005 Meursault Charmes 1er Cru von der Domaine Jobard-Morey. Was für ein Glücksgriff! Den Namen dieser relativ kleinen Domaine hatte ich noch nie gehört. Ein Traumstoff kam da ins Glas, Sehr würzig und mineralisch mit reifer Frucht und nussigem Schmelz, hoch elegant und sehr lang am Gaumen, aber stets nur ganz kurz in unseren Gläsern. Da musste schnell noch eine zweite Flasche her. Unglaublich, wie sich dieses Zeugs im Glas entwickelte. 94/100 waren da noch konservativ. Noch zum Preis. Für unter 100 Euro stand der Wein auf der Karte. Das ist zwar alles andere als geschenkt, aber ich kenne genügend Gourmet Lokale, in denen es dafür allenfalls eine mäßige Dorflage aus Burgund gibt. Als Rotwein entschieden wir uns für einen 2000 Grands Echezeaux von Remoissenet Père&Fils. Der war voll auf dem Punkt, reif, warm-würzig, sehr komplex, füllig und hocharomatisch – 92/100.
Vinattieri & Co
Einen Geburtstag gab es am ersten Abend der Le Pin Probe noch zu feiern. Patrick Bopp, unser Sommelier, war der Jubilar. Wie schön, dass wir im begehbaren Keller des Parkhotel Delta noch eine letzte Flasche des 1998 Vinattieri fanden. Das war perfekt gereifter Tessiner Merlot vom Feinsten, schokoladig mit wohldefinierter Fülle und fantastischer Länge am Gaumen – 94/100. Etwas dichter, jünger wirkend und konzentrierter der im Vergleich getrunkene 1997 Vinattieri – 92+/100.
Vater und Sohn Zanini, die mit Vanattieri und vor allem mit der kleinen Einzellage Castello Luigi Weine mit Kultstatus geschaffen haben, waren unter den Teilnehmern der großen Le Pin Verkostung. So fügte es sich dann auch, dass wir zum Mittagessen des zweiten Tages in der Grotto Broggini zu herzhafter, Tessiner Kost noch etwas tiefer in die Zanini-Welt eintauchten. Allerdings war ich längst nicht mit allem einverstanden, was ich da ins Glas bekam. Vor allem galt das für den sehr modern gemachten 2008 Bianco del Ticino Vinattieri. Was hätte das ohne diese nuttig parfümiert vanillige Nase und die Vergewaltigung durch zuviel Holz für ein feiner Wein sein können – 86/100. Etwas zwiespältig auch der hoch gelobte 2007 Vinattieri. Das war eine verdammt dicke, alkoholische Wuchtbrumme mit viel Holz, Vanille und schokoladiger Fülle. Klar war der irgendwo auch verdammt lecker, aber muss ein Tessiner Merlot unbedingt 15% Alkohol haben? – 92/100. Nur ein Schatten dessen, was wir am Vorabend im Glas hatten, war 1998 Vinattieri. Sehr reif, weich, hocharomatisch, aber auch schon etwas breit und marmeladig, wird in dieser Form in den nächsten Jahren zerfallen – 86/100. Das können nur Flaschen aus schlechter Lagerung gewesen sein.
Wenn ich schon hier im Herzen des Tessins war, dann wollte ich auch andere Tessiner Merlots verkoste. So zogen wir in kleiner Runde weiter in die Cantina del Orso in Ascona. Dort fanden wir nicht nur ein sehr breit gefächertes Sortiment, sondern mit Urs Mäder einen der ausgewiesenen Experten Tessiner Merlots überhaupt. Ihm überließen wir die Auswahl eines repräsentativen Querschnitts. Den Anfang machte ein 2007 Rubra Merlot Riserva der Fratelli Valsangiacomo. Wunderbare Minznote, Jod, salzige Mineralität, Frische, wenig Schokolade, eher schlank, rassig und im positiven Sinne rustikal mit Ecken und Kanten, ein eher etwas femininer, harmonischer Stil – 90/100. Weiter ging es mit dem 2007 Merlot Riserva Tre Api der Tenuta Bally & von Teufenstein. Dieser Wein wurde 2007 erstmals aus den Trauben der ätesten Rebstöcke, alle über 50 Jahre, produziert. In der Nase Weichselkirschen, röstige Kaffeearomen, am Gaumen süß, aber auch mit etwas bissigen Tanninen und sehr guter Säurestruktur, ein Langstreckenläufer mit sehr gutem Entwicklungspotential, der heute erst ansatzweise zeigte, was er drauf hat – 91+/100. Und darauf, ob ein Tessiner Merlot aus dem großen Jahrgang 2007 15% Alkohol haben muss, gab dieser Wein mit 13% eine ebenso klare Antwort, wie der nachfolgende. Der 2007 Ronco die Ciliegi Riserva der Azienda Mondo Sementina (enthält 10% Cabernet Sauvignon) war schlanker, eleganter, sehr mineralisch mit schöner, aber nicht aufgesetzter Süße und machte viel Spaß – 92/100. Unser klarer Favorit war der 2007 Sassi Grossi von Gialdi. Ein sehr spannender, facettenreicher Wein, zu Anfang mit laktischer Yoghurt-Himbeernase, am Gaumen und zunehmend auch in der Nase schokoladig, behält bei allem Schmelz eine wunderbare Struktur und ist erst am Anfang einer langen Entwicklung – 93+/100. Den hätte ich gerne ebenso in meinem Keller wie den nachfolgenden 2006 Rampèda Merlot von Marco und Vincenzo Meroni. Nur 900 Flaschen gibt es von diesem Wein aus einer extremen Steillage. Deutliche Gewürzkräuternote, mineralisch, kräftig mit toller Struktur. Ebenfalls erst ganz am Anfang, ein wunderbarer Charakterstoff, der eigentlich nach begleitendem Essen schreit, vor allem aber nach ein paar Jahren Lagerung – 92+/100. Als Abschluss verkosteten wir noch den moderner gemachten 2007 Platinum von Brivio. Auch das ein wunderbarer Wein mit sehr schöner Nase, sehr kräftig, noch recht verschlossen, alkoholreicher (14%), im Vergleich mit den Weinen davor auf sehr hohem Niveau gemachter wirkend – 92/100.
Große Küche oberhalb des Zürichsees
Nicht gerade die große Auswahl hat, wer in der Schweiz am Sonntagmittag gut essen gehen möchte. Schweizer Gastronomen stehen halt am Sonntag selbst gerne auf den Ski oder lümmeln sich irgendwo im Wasser rum. Wie gut, dass die wenigen, die Sonntags öffnen, allererste Sahne sind. So die Traube in Trimbach, der Adler in Hurden oder das Schauenstein in Fürstenau. Und an diesem Sonntag, auf der Rückfahrt von René Gabriels genialer Le Pin Probe, durfte ich noch eine weitere dieser einmaligen, Schweizer Gastronomieperlen kennenlernen, Eder´s Eichmühle in Wädenswil. Traumhaft haben wir dort im modernen Wintergarten mit Blick auf die spätwinterlich, tief verschneite Landschaft gesessen. Einen hohen Suchtfaktor hatte das, was Jürgen Eder da in brillianter Qualität auf die Teller zauberte, und was die 16/20, die der GaultMillau diesem Haus gibt, als extrem knauserig und untertrieben erscheinen lässt. Bestens verwöhnt wurden wir im Service von einem eingespielten Mutter/Tochter Team. Für das vollkommene Mittagsglück auf dieser Erde fehlten jetzt nur noch die passenden Weine, die wir aber schnell auf der gut 250 Positionen starken Karte entdeckten. Ein 1999 Clos St. Hune von Trimbach machte den Anfang. Der war nach gut 10 Jahren noch so unerhört frisch mit einer dezent petroligen, ätherischen Nase und reifer Zitrusfrucht. Unglaublich diese Mineralität, die gewaltige Strahlkraft dieses komplexen Weines, der lange am Gaumen haften blieb. Ein guter Clos St. Hune braucht 10 Jahre und schafft locker auch 30. Leider wird er meist viel zu früh ausgetrunken und taucht kaum auf Restaurantkarten auf. Dieser hier war jetzt genau richtig – 95/100. Am Beginn einer sicher noch längeren Trinkreife auch ein 2000 Bonnes Mares von Hervé Roumier. Sehr fein mit Himbeeren und Kirschen, immer noch leichte Röstaromatik, bei aller durchaus vorhandenen Kraft sehr elegant und feingliedrig – 93/100. Einfach göttlicher Nektar als Abschluss eine 2007 Scheurebe TBA von Umathum, großer Honigcocktail mit frischen Blüten und etwas Litschi, cremig und ganz schön fett, aber auch mit sehr guter, balancierender Säure. Eigentlich schon ein perfektes Dessert an sich – 95/100.
Die ersten Morcheln
Klassischer Business-Alltag, aufstehen zu nachtschlafender Stunde, mit dem ersten Flieger nach Zürich, dort in das wartende Auto meiner Geschäftspartner und dann Kundenbesuche, Kundenbesuche, Kundenbesuche quer durch die Schweiz. Als mir um kurz nach Eins der Magen knurrte, meinten meine beiden Begleiter, sie wüssten da eine Autobahnraststätte mit Büffet. Da könnten wir jetzt ja etwas essen und dabei in Ruhe offene Punkte aus unserer Agenda diskutieren. In Ruhe, in einer Autobahnraststätte, zwischen Horden von deutschen, holländischen und sonstigen Touristen? Nein danke. Da habe ich lieber schnell den werni angerufen, ob wir noch kurz in die Braui nach Hochdorf kommen dürften. Natürlich durften wir. Und verdammtes Glück hatten wir auch noch. Eine halbe Stunde vor uns trafen in der Braui die ersten frischen Morcheln der Saison ein. Aus denen zauberte uns der gute Werni ein traumhaftes Business-Plättli mit ein paar Egli-Filets. Vorher als Amuse ein Mini-Käse-Süppchen, dann einen feinen Salat und zum Espresso noch ein paar kleine Schweinereien. Und da die Eglis ja schwimmen mussten, gab es zum Hauptgang noch ein großes Glas des prächtigen 2006 Grünen Veltliners Eichenstaude von Kurt Angerer. Kräftig, saftig, würzig, mineralisch und pfeffrig, so macht Grüner Veltliner Spaß – 92/100. Und unsere Geschäfte flutschten, dermaßen perfekt unterlegt, auch. Ist doch kein Wunder. Wie soll man denn unter Geschäftspartnern eine Win-win Situation herstellen, wenn man einen "Loser" auf dem Teller hat? Bestens getunt durch Wernis Küche habe ich auch den Nachmittag noch gut hinter mich gebracht.
1995 und 1996 Mouton Rothschild
Auf welcher Weinkarte findet man noch 1995 und 1996 Mouton Rothschild, und das zu noch vertretbaren Konditionen? Also schlugen wir zu, als wir diese beiden Weine entdeckten, und leisteten uns diesen Luxusvergleich, der gleichzeitig deutlich die unterschiedliche Charakteristik dieser beiden, großen Bordeauxjahrgänge illustrierte. 1995 Mouton Rothschild wirkte trotz immer noch strammem Tanningerüst offener, ausdrucksstärker, fruchtiger. Ein hedonistischer, erotischer Mouton, der jetzt und in den nächsten 10-15 Jahren immensen Spaß bereitet – 95/100. 1996 Mouton Rothschild hatte ebenfalls eine wunderbare Nase, geprägt von jugendlicher Röstaromatik, dazu viel Cassis, Leder, und die klassische Mouton Bleistiftnote, einfach junger Mouton pur, am Gaumen elegant, fast etwas leichtfüßig, aber mit sehr guter Struktur und Länge, erst ganz am Anfang. Im direkten Vergleich war das für uns, auch wenn er noch längst nicht alles zeigte, der größere, besser definierte Wein – 96/100. Wer beide im Keller hat, trinkt erst den offeneren 95er und freut sich auf ein gewaltiges 96er Mouton Erlebnis für die Jahre 2015-2040. Und wer keine der beiden im Keller hat, beguckt sich die Primeurpreise für 2009 Mouton und fängt dann, wenn er schlau ist, mit der Suche nach 95 und 96 an.
Bei Putzi auf der Farnsburg
Die Farnsburg im Baselland ist Landgasthof, Vinothek und Weinhandlung zugleich. Andreas Putzi, der diese einmalige Location zusammen mit seiner bezaubernden Beatrice führt, ist zudem ein Urgestein der Weinwelt. Ich kannte ihn von diversen Veranstaltungen, war aber noch nie in seinem Reich. Das wurde jetzt im Kreise guter Freunde nachgeholt.
Bewaffnet mit einem schönen Glas 1999 Maximin Grünhäuser Abtsberg Auslese Fass 165 (wunderschön, viel Boytritis in der fruchtigen Nase, am Gaumen reifer Schmelz und gute Säure, jetzt in einem bestechenden Trinkstadium – 92/100) starteten wir in den Untergrund, in den verwinkelten Keller mit seiner riesigen Anzahl an Weinschätzen. Magisch zog mich sofort eine Magnum 1980 Heitz Bella Oaks an. Die wurde sofort zur Seite gestellt, und wir setzten unsere Grabungen fort. Ich kam mir vor wie ein kleiner Junge in einem großen Spielzeugladen. Inzwischen tauchte Beatrice mit einer schönen Wurst-/Käseplatte auf und Andreas Putzi stellte daneben einen 2007 Grigich Hills Fumé Blanc. Der war trotz heftiger 14,1% erstaunlich leitfüßig und elegant mit Grapefruitnoten und Zitronengraß, übrigens mit Demeter-Zeichen – 90/100. Mehr faszinierte mich aber ein anderes Ergebnis unserer Kellergrabungen, ein 1986 Grigich Hills Chardonnay. Mit dem starteten wir dann auch im Restaurant unser spätes Mittagsmahl. Sicher ein Wein, der polarisiert. Würde ich ihn zuhause aufmachen, müsste ich ihn alleine trinken. Meine Gattin steht nicht so sehr auf reifere Semester(gilt nur für Wein, mich mag sie – sagt sie zumindest). Güldene Farbe, ziemlich reif die Nase, immer noch gute Säure, nussig mit deutlicher Bitternote im Abgang, erstaunlich cremige Textur, blühte zrr formidablen Languste, die wir als erstes vorgesetzt bekamen, richtig auf und hält in dieser Form spielend mit großen, gereiften Weißen Burgundern mit – 92/100. Nicht alle an unserem Tisch konnten meine Euphorie für diesen Wein teilen. Einig waren wir uns aber beim ersten Roten, dem 1980 Heitz Bella Oaks aus der Magnum. Tiefes, brilliantes Rot, in der Nase neben dem leider für diese Zeit typischen Gout alter Heitz-Fässer herrliche Frucht, süße Preiselbeeren, aber auch viel Minze und Eukalyptus, so pikant und frisch mit toller Säurestruktur, perfekt am Gaumen mit langem Abgang – 94/100. Verdammt reif war danach ein 1985 Groth Cabernet Sauvignon, ein Minze-Maggi-Cocktail, der noch gut trinkbar war, aber bei dem es langsam Zeit wird – 87/100. Kenne ich aus der Erinnerung deutlich besser. Taufrisch im direkten Vergleich ein 1985 Freemark Abbey Cabernet Sauvignon Bosché mit feiner, pikanter, würziger Frucht, sehr elegant am Gaumen – 92/100. Heitz hatte in der ersten Hälfte der 80er ein Kellerproblem, das in der fürchterlichen Nase des 85ers seinen unrühmlichen Höhepunkt fand. Leider kam der 1984 Heitz Martha´s Vineyard, der anschließend vor uns kam, dem recht nahe. Auch hier wieder diese fürchterliche Nase mit ihrem korkähnlichen Ton, den Bordeaux-Fans von etlichen Figeacs her kennen. Dabei war dieser Wein am Gaumen fehlerfrei und ein richtiges Prachtstück, sehr jugendlich, kräftig mit irrsinnig druckvoller Aramotik, einfach eine große, geniale Minze und Eukalyptus-Orgie, für die locker 94/100 fällig sind, vorausgesetzt natürlich, man trägt eine Nasenklammer. Weich, reif und lecker dann ein 1983 Clos du Val, der in der Stilistik an einen reifen Cru Bourgeois aus Medoc erinnerte – 87/100. Der Wein des Nachmittags aber war ein außerweltlicher 1990 Caymus Special Selection. Herrliche Frucht, reife Brombeere, aber nicht überladen, mit so präzisen Konturen, minzig, mineralisch, enorm druckvoll, immer noch jugendlich, dekadente Süße, und trotzdem so elegant – 97/100. Caymus hat in den Jahren 90, 91 und 92 drei Legenden produziert. Natürlich hatte es der 1994 Altamura Cabernet Sauvignon danach schwer. Der wirkte schon recht reif und weich am Gaumen, aber doch mit faszinierender, eher von Sekundäraromatik bestimmter Aromatik, elegant mit feinem Schmelz – 92/100.
Nicht sonderlich angetan war ich vom vorletzten Wein dieses Nachmittages, einer 2002 Kiedricher Gräfenberg BA von Robert Weil. Der wirkte auf zwar hohem Niveau ziemlich plump und süß – 91/100.
Inzwischen rückte die abendliche Veranstaltung näher, für die wir das Feld räumen mussten. Der Gastgeber dieser Veranstaltung, Gian-Battista von Tscharner, war bereits eingetroffen. Netterweise hatte er nicht nur seinen Sohn mitgebracht, sondern auch einen 1999 Churer Blauburgunder Gian Battista. Der trank sich sehr schön, gut gereift, aber immer noch frisch mit tiefgründiger Frucht und gut eingebundenem Holz – 91/100.
Natürlich möchte ich im Sommer noch mal auf die Farnsburg. Neben dem riesigen Keller locken da auch ein paar interessante Veranstaltungen, so z.B. eine Spottswoode-Vertikale.
Nichts geht mehr?
Nur 5 Minuten hatte ich mich in meinem Hotelzimmer nach der Rückkehr von der Farnsburg aufs Ohr gelegt, meinte ich zumindest. Plötzlich weckte mich unsanft das Handy. Der Gregor war dran. Wo bleibst Du, wir sitzen hier und warten. Waren wohl doch etwas mehr als 5 Minuten. Unten im Rössli stand schon eine lange Reihe dekantierter Weine. Also Weinträume statt süßer Träume, auch nicht schlecht, zumal es ja allenfalls Schlafenszeit für Kleinkinder war.
Den Anfang machte eine wunderschöne 1995 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Auslese # 12 von Fritz Haag. Bei aller Leichtigkeit, die Haag Weine auszeichnet recht süß und füllig mit viel Boytritis, aber auch mit sehr guter, balancierender Säure – 92/100. Erstaunlich schlank danach ein 2006 Grgich Hills Chardonnay, Zitrusfrüchte, Apfel, ein Hauch exotischer Frucht, gut eingebundenes Holz und eine erfrischende Säure – 90/100.
Und dann kamen drei Weine, mit denen ich gravierende Schwierigkeiten hatte. Sehr süß, sehr üppig, just too much der 2003 Col Solare, nicht so sehr mein Ding – 90/100. Wahrscheinlich ging es diesem sonst hoch bewerteten Wein ähnlich wie mir. Wir waren beide nicht in Topform. Allerdings ging es den Anderen am Tisch ähnlich. So konnte auch der 1998 Schweiger Vineyards Cabernet Sauvignon nicht punkten, trotz deutlicher Tannine zu süßlich, zu marmeladig und etwas diffus – 87/100. Auch 1998 Sena wirkte richtiggehend aufdringlich, fruchtig, süß und nuttig – 88/100.
Lag es also an uns? Wohl doch nicht, denn als der Gregor mit einer 1999 Mouton Rothschild Magnum anrückte, war die Welt wieder in Ordnung. Ein eher schlanker, feiner, sehr eleganter Mouton, immer noch mit jugendlicher Röstaromatik, mit schöner Frucht, Sattelleder und Bleistift – 91/100. Noch einen Tick drüber 1999 Pape Clement, das war jetzt die große Röstaromenoper, rauchige Noten als ob die Nase am Kamin säße, Schoko, Kaffee, Tabak, Zedernholz, gute Mineralität, weiche Tannine, große Freude – 92/100. Beide Weine waren offen gesagt mehr meine Welt und setzten nahtlos dort an, wo wir auf der Farnsburg aufghört hatten.
Süsser Abschluss
Eine wunderbare Käseplatte gab es nach der American Beauty noch im Adler in Nebikon, und auch die großartige Dessertvariation habe ich mir nicht entgehen lassen. Passend dazu suchte ich mir aus der Adler-Karte noch zwei restsüße Weine aus. Den Anfang machte der 2002 Fletri von Obrecht aus der Bündner Herrschaft( das ist der mit dem Monolith), ein edelsüßer Wein aus getrockneten Boytritistrauben vom Riesling Sylvaner, gülden in der Farbe, recht süß mit rosiniger Fülle, viel Honig, aber auch Zitrus, schreit förmlich nach herzhaften Käsen - 91/100. Vom gleichen Winzer danach dann der 2005 Guldistückli, ein halbtrockener, sehr würziger, spannender Gewürztraminer, der auch aus dem Elsass kommen könnte - 93/100.
Vorprobe
Uwe Bende hatte zur großen Coulée deSerrant Verkostung eingeladen. Vorab gab es im Stehen ein paar spannende Burgunder. Uwe und ich sind irgendwo seelenverwandt. Wir graben auch in tiefsten Kellern, sind vor nichts fies und öffnen auch die unmöglichsten, ältesten Klamotten. Überraschungen gibt es halt nur, wenn man vorher ein Risiko eingeht.
Ein 1996 St. Aubin 1er Cru von Olivier Leflaive war noch sehr jung, kräftig, mineralisch, rustikal, mehr Kraft als Finesse, dürfte gute Zukunft haben. - 89/100. Ein 1978 Meursault Tasteviné von Chantal Michelot hatte eine kräftige reife Farbe und wirkte in der Nase etwas verhalten. Die eigentliche Überraschung kam am Gaumen. Da war dieser Wein noch so enorm kräftig und druckvoll, würzig und nussig, einfach perfekt gereifter Meursault ohne spürbares Alter – 91/100. Letzteres ist sicher vor allem der stabilen Säure zuzuschreiben. 78er Burgunder sind immer noch jede Sünde wert. Wahrscheinlich trinken sich die besten unter ihnen immer noch gut, wenn die eher problembehafteten 90er längst abgenippelt sind. Tiefgülden die Farbe des 1952 Chablis von Grivelet, in der Nase Crême Brulée und Karamell, der Gaumen furztrocken, gezehrt und oxidiert. Den Gaumen und das trinken konnte man Vergessen, die faszinierende Nase hatte sicher 91/100 Niveau. Als spannend entpuppte sich auch ein 1975 Batard Montrachet von Ropiteau. Gülden die reife Farbe, in der Nase noch erstaunliche, pflaumige Frucht und der Bisquit eines reifen Champagners, am Gaumen Kraft, Süße und eine deutliche Säure – 88/100.
Mensch Markus!
Eigentlich war ich ja nur auf der Suche nach einem restsüßen Apero gewesen. Irgendein fruchtiger, junger Kabinett oder eine Spätlese von der Mosel. Und dann fiel mir auf der Weinkarte der Tante Anna diese 1995 Wehlener Sonnenuhr Versteigerungs-Spätlese von Markus Molitor ins Auge, und das natürlich nicht nur, weil sie sehr wohlfeil angeboten wurde. Klar, die musste es jetzt sein. Was für ein Geschoß! Restsüß zwar mit viel Boytritis, aber insgesamt harmonisch trocken wirkend mit reifer, aber sehr rassiger Säure, in der Nase viel rosinige Boytritis, am Gaumen schlichtweg ein Knaller mit unglaublicher Strahlkraft zum Literweise saufen, sehr mineralisch und lang, soviel Extrakt mit nur 8% Alkohol – ganz konservative 93/100. Schade, dass die 96er und 97er Version dieses Weines nicht auf der Karte waren. Ich hätte gerne die ganze Flöte durchgetrunken.
