Oktober 2009

Auf der Suche nach dem Phantom

Über ein Dutzend Mal hatte ich 1966 Palmer schon getrunken. 96/100 hat dieser Wein bei Parker und 19/20 bei René Gabriel. Die wollte ich auch im Glas haben, aber leider war stets Fehlanzeige. Bis 92/100 gab es dann schon mal für die Chateauabfüllung aber häufig auch weniger, wie zuletzt im März 2009 bei René Gabriels Palmer Vertikale. Dort war der Palmer mal wieder eher enttäuschend mit viel Zedernholz und wenig Frucht – 89/100. Am besten gefielen mir bisher noch die englischen Berry Brothers Abfüllungen, von denen ich zuletzt 2006 eine aus eigenem Keller mit 94/100 im Glas hatte. Aber was war mit dem legendären 96/100 Palmer? Nur ein Phänomen, nur eine Spezialfüllung für Weinpäpste? Da fiel mir an diesem Montag eine vor 18 Jahren erworbene Flasche in die Hände. Leicht verwittert das Etikett, mit hs gerade noch passabel der Füllstand. Die musste es jetzt sein, also raus mit dem Korken. Mit recht heller, ins bräunliche gehender Farbe floss der Palmer ins Glas. Doch dabei entfaltete sich ein unglaublicher, wunderbarer Duft, wie ich ihn sonst nur vom 61er Palmer oder von großen, alten Margaux kenne. Perfektes Terroirparfüm, einfach großer, gereifter Wein mit süchtig machender Nase. Die versprach nicht zuviel. Sollte ich die jetzt in ihre Bestandteile zerlegen und 35 verschiedene Aromen aufzählen? Bloß nicht, nur genießen. Das war ein Gesamtkunstwerk, weit mehr als die Summe seiner Teile. Am Gaumen dann Seide pur, burgundisch im besten Sinne mit feiner Süße, ein Wein zum Träumen mit wunderbarer, unglaublicher Länge, so fein, elegant und trotzdem nachhaltig - 96/100. Den will ich noch mal, ich werde weitersuchen.

3 Sterne Küche im Schiffchen

Spektakulär war das, was wir im Oktober in Jean Claude Bourgueils Schiffchen genossen. Eine moderne, schnörkellose, hocharomatische und kreative Küche auf allerhöchstem Niveau. Der Verlust des dritten Sternes vor zwei Jahren scheint Bourgueil nicht demotiviert, sondern ganz im Gegenteil zu neuen, kulinarischen Höhenflügen motiviert zu haben. Wir waren alle baff. Im Großraum Düsseldorf gibt es derzeit nichts annähernd Vergleichbares. Da gehört der dritte Stern eigentlich dringend wieder hin.
Einiges getan hat sich auch an der Weinkarte, die wie die Küche deutlich modernisiert wurde. Groß das Angebot an deutschen Gewächsen, wobei auch Bourgueil unter der typischen Krankheit der deutschen Gastronomie leidet. Die sehr begehrten, trockenen deutschen Weine, insbesondere die Großen Gewächse, sind kaum in den Stückzahlen beizubringen, wie sie getrunken werden. So ist nicht nur Dönnhoffs Herrmanshöhle nur als 2008er vertreten. Und das reicht wahrscheinlich nur ganz knapp bis zur Auslieferung der 2009er. Mit Glück erwischten wir noch eine 2006 Aulerde GG von Wittmann. Auch dieser Wein noch blutjung mit reintöniger Zitrusfrucht, prägnanter Säure und sehr hoher Mineralität, ein Wein mit noch langer Zukunft, der sich wohl erst in ein paar Jahren richtig entfaltet und noch zulegen kann – 92/100. Immerhin gefiel mir diese Aulerde schon deutlich besser als bei der Mövenpick-Arrivageprobe vor zwei Jahren, wo er noch völlig zugenagelt schien. Etwas besser sieht es im edelsüßen Bereich aus. Das sehr umfangreiche Angebot der Karte an deutschen Spät- und Auslesen, an BA´s und TBA´s kann sich sehen lassen. Überraschend viele kleinere, bezahlbarere Gewächse nicht nur bei den Bordeaux, sondern auch bei den Burgundern. Dem Trend der Zeit folgend finden sich auch viele Gewächse aus Spanien, Italien, den USA und anderen Regionen. Hoch erfreut entdeckten meine Augen zwei reifere, sonst kaum noch zu findende Weine von Christos Kokkalis. Wir starteten mit 1999 Trilogia, der immer noch recht jung wirkte, sehr fruchtig, exotische Anklänge, Schokolade, Kokosraspeln, Nougat, Minzfrische, hohe Säure und diesmal am Gaumen deutlich schlanker wirkend als gewohnt – 93/100. Deutlich mehr Fülle, Kraft und Komplexität zeigte der großartige 1998 Trilogia – 94/100. Solche Weine sind auf Weinkarten immer echte Preis-/Leistungssieger. Wohlfeil war auch der 2000 Brancaia Il Blu, dessen Nase durch eine große Fuhre Brett geprägt war. Am Gaumen weich und reif wirkend mit schöne Fülle, nicht sonderlich komplex, aber mit hohem Spaß- und Genussfaktor – 90/100. Unsere Damen plädierten danach auf Champagner und da wir uns auf reifere Champagner einigen konnten, war ich dabei. Hatte ich doch mit 1988 Perriet Jouet Belle Epoque einen meiner Lieblings-Champagner entdeckt. Der präsentierte sich in bestechender Form, immer noch jung, aber zugleich auch mit erster Reife, reife Zitrusfrucht, frisches Brioche und großer Brotkorb, sehr gutes Mousseux und hohe Säure verliehen ihm eine deutliche Frische, war bei dieser Klasse leider Ratz Fatz leer – 94/100. Also musste noch der 1986 Perriet Jouet Belle Epoque Rosé her. Der spielte in der gleichen Liga wie der 88er, war etwas zugänglicher mit feiner Himbeerfrucht, ebenfalls sehr komplex und lang mit viel Säure, und wie der 88er einfach hedonistisch schön – 94/100. Ein Traum-Abend war das, wozu auch der sehr gute Service der jungen Mannschaft beitrug.
Als ich mich zwei Tage später mit einem Weinfreund unterhielt, riet der mir, doch mal wieder ins Schiffchen zu gehen. Da sei er vor zwei Wochen gewesen, und die würden derzeit wie vom anderen Stern kochen. Na, von dem Stern kommen wir ja gerade und wollen baldmöglichst wieder hin.

BB ist nicht gleich BB

BB steht als Kürzel für Belgium Bottling, also für eine belgische Händlerabfüllung. Nur kann das alles Mögliche heißen. Bei Vandermeulen-Abfüllungen gibt es Qualitätsstandards, ebenso bei Abfüllern wie Lafitte. Diese Abfüllungen sind auch mit dem Namen des Abfüllers gekennzeichnet. Der größte Teil der belgischen Händlerabfüllungen sieht aber ganz anders aus. Neutral die Kapsel, neutral der Kork und ein Etikett, auf dem der Name des Chateaus und seines Besitzers stehen. Im Koppe-Katalog heißt es dann immer so schön „Besitzerabfüllung“. Das ist natürlich absoluter Quark. Wenn auf einem Etikett 1947 l´Evangile steht und Heritieres Ducasse als Besitzer, dann heißt das nicht, das der Wein von denen oder für die selber abgefüllt wurde. Es heißt nur, das jemand ein Fass dieses Weines gekauft hat und dazu entsprechend neutrale Etiketten bekommen hat oder die sogar selber drucken durfte. Das kann ein Händler ebenso gewesen sein oder auch ein Endkunde selbst. In Belgien z.B. war es früher nicht unüblich, dass sich wohlhabende Familien regelmäßig „ihr“ eigenes Fass Cheval Blanc kauften und das dann in Flaschen füllen ließen. Und da sich die Fässer damals in der Qualität durchaus deutlich ebenso unterschieden wie die Art des weiteren Ausbaus und der Zeitpunkt der Abfüllung, gibt es durchaus riesengroße Unterschiede in der Qualität dessen, was sich da heute in der Flasche wiederfindet. Ich habe das selbst gerade wieder leidvoll erfahren. Einer der Stars meines Kellers war lange 1955 Domaine de l´Eglise, in den 90ern über einen renommierten, belgischen Raritätenhändler bezogen. Mit 97-98/100 hatte ich diesen großartigen Pomerol stets im Glas. Klar habe ich dann sofort zugeschlagen, als mir vor ein paar Monaten wiederum ein anderer, belgischer Händler, der auch sehr viel über Ebay verkauft, 4 Flaschen dieses 55er Domaine de l´Eglise in einer nicht näher identifizierbaren, belgischen Händlerabfüllung zu einem sehr akzeptablen Kurs anbot. Nur war hier die erste, auf Sylt getrunkene Flasche, gleich mausetot. Die Zweite mit perfektem Füllstand etwas besser, zwar schon sehr gereift und mit deutlichem Altweintouch, aber immer noch gut zu trinken - 85/100. Da lagen halt Welten zwischen den beiden Abfüllungen. Eigentlich kaum zu glauben, dass beide Abfüllungen vom selben Weingut stammen sollen. Trotzdem werde ich weiterhin auch solche BB´s kaufen, aber im vollen Bewusstsein, dass ich da auch irgendwie Weinlotto spiele.

Lieber mehr und besser

Stolz war ich, als ich kürzlich in einer Vinothek noch eine größere Anzahl 2000 Carruades de Lafite zum unschlagbaren Preis von € 66 erstehen konnte. Fragen Sie mich nicht nach dem Namen der Vinothek, ich habe ohnehin alle Flaschen gekauft. Zu aberwitzigen Preisen wird dieser Carruades international gehandelt. Besonders die preislich anscheinend völlig schmerzfreien Chinesen stehen ja auf alles, wo Lafite draufsteht. Nicht etwa, dass sie es in irgendwelchen Kellern horten, nein, das Zeugs wird entkorkt und getrunken. Einen Lafite oder einen Carruades für einen Geschäftspartner oder einen Freund zu öffnen ist ein Zeichen hoher Wertschätzung, ganz gleich ob der Wein schmeckt und Trinkvergnügen bereitet.
Nun, ich habe mir ein paar Abende danach selbst die Wertschätzung einer Flasche 2000 Carruades de Lafite erwiesen, allerdings zum Vergleich auch eine Flasche 2000 d´Aiguilhe aufgemacht. Die kostete ein Drittel dessen, was ich für den Carruades hinlegen musste. Zu internationalen Marktpreisen liegt das Verhältnis eher bei 1:10.
Immerhin, der Carruades hat sich gemacht. Bei der Mövenpick Arrivage 2003 hatte ich noch bissig notiert: „klassischer Drittwein, graue Maus im grauen Anzug, 86/100 sind großzügig“. Inzwischen ist daraus ein sehr feiner, balancierter, eleganter Wein mit schöner Kirschfrucht geworden, aber mehr als 89/100 waren da auch nach intensiverem Blick aufs Etikett nicht drin. Da fehlt dann einfach der Tiefgang. Und im anderen Glas? Da ging die Post ab. Der Aiguilhe hat jetzt vielleicht nicht diesen Hauch von Noblesse, den man sich angestrengt in den Carruades hineindenken könnte. Er kommt er spontan zur Sache, mit herrlicher, süßer Frucht, immer noch schöner Röstaromatik, voll und saftig am Gaumen, ein unkomplizierter, aber sehr nachhaltiger Spaßwein auf sehr hohem Niveau – 93/100. Übrigens meine 43. Flasche, alle bisher mit konstant 92-94/100 genossen.
Gut, dass ich kein Chinese bin, ich trinke eben lieber mehr und besser.